Mein Weg mit BRCA2
Tanja, 37 Jahre
Diagnose und erste Schritte
2019 erhielt ich mit 31 Jahren die Diagnose Brustkrebs. Mir wurde die linke Brust entfernt. Eine brusterhaltende OP wäre nicht mehr möglich gewesen. Während der Chemotherapie wurde mir eine genetische Testung nahegelegt. Anfangs hielt ich das für überflüssig: Niemand in meiner Familie war doch je an Brustkrebs erkrankt.
Die Überraschung
Das Ergebnis überraschte mich: Ich trage die BRCA2-Mutation. Erst mit der Testung meiner Eltern wurde mir klar, dass die Spur in unserer Familie schon viel früher beginnt. Meine Oma, die ich nur von Fotos kenne, verstarb 1982 an „Unterleibskrebs“. Näheres wurde damals nicht untersucht. Heute liegt die Vermutung nahe, dass es sich um Eierstockkrebs oder einen metastasierten Brustkrebs gehandelt haben könnte. Ich habe die Mutation jedenfalls nachweislich von meinem Papa geerbt. Das Wissen, dass dieses Gen schon über Generationen weitergegeben wurde, ist für mich gleichermaßen schmerzhaft wie aufklärend.
Vorbeugende Entscheidungen
Nach dem Ergebnis habe ich mir auch die zweite, nicht erkrankte Brust, entfernen lassen. Da mein Lebenszeit-Risiko nochmal an Brustkrebs zu erkranken bei über 80% lag. Aber es blieb nicht bei dieser einen schweren Entscheidung.
Rückschlag und radikaler Schritt
Trotz beidseitiger Mastektomie und laufender Antihormontherapie erhielt ich 2023 ein Brustkrebs-Rezidiv, oberhalb dem Implantat. Daraufhin habe ich mich für den radikalen Weg entschieden, und ließ mir auch die Eierstöcke entfernen. Durch die Gentestung kannte ich mein individuelles Lebenszeit-Risiko eventuell auch an Eierstockkrebs zu erkranken. Es lag bei 43 %. Gemeinsam mit meinen Ärzt*innen entschied ich mich für die Operation. Mit der OP konnte ich sowohl mein Brustkrebsrezidiv-Risiko senken, als auch eine Eierstockkrebserkrankung verhindern. Auch wenn das heute minimal-invasiv durchgeführt werden kann, muss man sich über die Tragweite im Klaren sein. Die Auswirkungen auf den Körper sind enorm und die möglichen Spätfolgen rechtfertigen oft den Eingriff nicht. Anders als beim natürlichen Eintritt der Menopause erfolgt das, was normalerweise ein Prozess von mehreren Jahren ist, abrupt. Das sollte man wissen.
Rückblick und Erkenntnisse
Ich würde die Testung wieder machen und ich wünschte, ich hätte früher von familiären Brust und Eierstockkrebs gewusst. Vielleicht wäre es auch in unserer Familie früher thematisiert worden, aber es fehlte schlichtweg das Wissen darüber und den Zusammenhang mit Omas Tod konnten wir selbst nicht herstellen. Für mich wäre das Wissen über die Genmutation ein Vorsprung gewesen.
BRCA in der Öffentlichkeit
2013 war das Thema schon einmal stark in den Medien: Angelina Jolie machte ihre Mastektomie aufgrund einer BRCA1-Mutation öffentlich. Der sogenannte „Jolie-Effekt“ führte dazu, dass viele Frauen über genetische Risiken nachdachten und sich untersuchen ließen. Das war wichtig – und doch darf man nicht vergessen: Nur etwa 5 % aller Brustkrebsfälle sind tatsächlich auf BRCA1 oder BRCA2 zurückzuführen.
Trotzdem kann eine genetische Testung sinnvoll sein, besonders wenn in einer Familie mehrere Krebserkrankungen früh auftreten. Für mich brachte der Test die Gewissheit.
Verantwortung und Familienplanung
Vor diesem Gentest sollte man sich ausführlich beraten lassen und sich fragen, ob man den eventuell zu treffenden Entscheidungen gewachsen ist. Natürlich besteht das Risiko, die Mutation zu vererben, was konkrete Fragen rund um die Familienplanung aufwirft. Mein Mann und ich haben uns gegen Kinder entschieden.
Meine Erkenntnis
Heute weiß ich: Wissen ist Macht – und jeder Schritt, so schwer er auch war, hat mir ein Stück Selbstbestimmung zurückgegeben.
Je mehr wir über unsere genetischen Risiken erfahren, desto mehr Möglichkeiten haben wir, unser Leben aktiv und eigenverantwortlich zu gestalten.
protokolliert September 2025